Presse

General-Anzeiger, 26.Februar 2018

Falk Zenker begeistert mit virtuosen Konzerten in Sinzig

Von Hildegard Ginzler

SINZIG. Auf eine lyrische Reise, die Mittelalter, Klassik, Flamenco, Improvisation verbindet, nahm er sie mit, „Falkenflug“ überschrieben, wie sein viertes Soloalbum, von dem die meisten Stücke kamen. Am Anfang jedoch standen zwei Tänze der „Estampies Royales“ aus dem 13. Jahrhunderts. In dieses bislang älteste bekannte „Handbuch für Instrumentalisten“ vertiefte sich Zenker, neugierig auf die Ursprünge europäischer Musik. „Die Musiker spielten die Tänze und veränderten sie, wie ich es auch tue“, erklärte er zu seinem zweiten Stück, welches wie ein Liebeslied anhob, schmeichelnd, von süßen Träumen, aber auch von Sehnsucht durchzogen.

Seine Musik sei eine Einladung zu fliegen – zum Beispiel durch die Zeit, sagte der stets charmant kommentierende Zenker. So ließ er sich, noch ein Jahrhundert weiter zurück, auf Hildegard von Bingen ein, Mystikerin, Ordensfrau sowie die damals bedeutendste Komponistin geistlicher Lieder.

Ihr „O plangens vox“ wandelte er zu „Hildes Traum“. Waren die zum Schweben geeigneten Klänge anfangs von einer Stimmung des Einverständnisses getragen, so folgte dieser ein vorwärts treibender dichter Sound, aus dem, plötzlich enger geführt, erneut eine zuvor gehörte Reihe schöner Töne hervorging. Den berührenden Klang gestaltete der auf rund 1000 Solo-Konzerte zurückblickende Gitarrist virtuos durch schnelle Finger, überhaupt beeindruckende Fingerfertigkeit, inniges und akzentuiertes Spiel. Manchmal hielt er sein Instrument sehr nah, schaute konzentriert, überrascht, erbaut, als ob er Zwiesprache mit der Gitarre halte, die ihm vorgebe, was er zu spielen habe.

“Sommerliche Töne” des Klangmagiers

Dazu zählten neben Zupfhandarbeit auch Klopfen und Schlagen aufs Holz. Allerdings steuerte er außerdem barfuß ein technisches Instrumentarium, um durch Live Loopings perkussive Gitarren-Elemente und weitere musikalische Akzente als neue Klangfarben einzubinden. Das Titelstück „Falkenflug“ entrückte die Zuhörer hoch in die Lüfte.

Im Geiste kreisten sie über der entfernten Erde, wurden gewahr, dass sie schon immer fliegen wollten, darin dem kleinen Falken ähnelnd: „Im Garten meiner Großeltern konnte ich in Höhe der Apfelbäume schwimmend fliegen“. Der große Falke verleitete mit gefasster Gitarre und umgeschnallter Kalimba am Bein in „September am Meer“ zu einem besinnlichen Strandspaziergang und fragte mit „Hinterlassen“ danach, „was wir in den Träumen unserer Kinder, in den Gedanken unserer Liebsten hinterlassen“.

Das ging mit forschenden Tönen einher, vortastend, nachhakend und schließlich splitternd klar, gleich einem blank geputzten Himmel am bitterkalten Tag. „Himmel küssen“ brachte Leidenschaft und Ektase hervor.

Um indes „sommerliche Töne zu vermitteln“ erbat sich der Klangmagier, dass drei Zuhörer geheimnisvolle Schachteln auf sein Zeichen hin öffneten und schlossen. Musikalisch erwachte ein halber Urwald, Muschelrasseln erklangen, „Vogelrufe“, es raschelte und klapperte, es wuchs und gedieh alles hörbar und wenn sich die Schachteln öffneten, stimmten aparterweise drei Grillen ins rundum verführerische Konzert ein.

Foto. Martin Gausmann