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Generalanzeiger, 17. Januar 2017, Sebastian Kirschner
Mit Stücken vom 18. bis zum 20. Jahrhundert füllte er nicht nur die Besucherränge, sondern erspielte sich ein aufmerksames Publikum, das nach dem Schlusston unersättlich Zugaben forderte.
Drei Sonaten von Domenico Scarlatti eröffneten den Konzertabend. Wenn er spielt, dann versinkt Chaimovich ganz in der Musik: Instrument und Interpret gingen eine symbiotische Wechselwirkung ein. Im Gewölbe wurde es so still, dass jedes Bonbon-Rascheln und jeder Huster direkt zur Störung wurden. Die Sonate F-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart interpretierte der Künstler mit zahlreichen bewusst gesetzten Verzögerungen auf eine frische Art und Weise. Er stellte besonders in den Mittelpunkt, auf welch dünnem Grat zu Tragik hin das zunächst lieblich daherkommende Stück steht. Immer wieder wenden sich die Akkorde ins Dunkle, was der Komposition ihre Tiefe verleiht.
In den fernen Träumereien des zweiten Satzes nahm Chaimovich alle Fahrt raus und entführte die Zuhörer in fremde Welten, ohne je den Faden zu verlieren. Die schnellen Läufe des Finale flossen leicht aus den Fingern des Pianisten und in die Falle des angetäuschten Schlusses wäre das Publikum beinahe getappt. Franz Liszt Bearbeitung des Liedes „Ständchen“ von Franz Schubert – erschienen in der Kompositionsreihe „Schwanengesang“ – brachte tieftraurige Schwere unter den Zehnthof, die nur von leisen Erinnerungen noch am Leben gehalten wurde. Aufatmen war danach angesagt in Balys Dvarionas wildem „Mit dem Schlitten den Hügel hinunter“, das sich passend zur Jahreszeit in wilden Läufen ergoss. Das Publikum quittierte die Sicherheit des Künstlers selbst in schwierigsten Passagen mit warmem Applaus.

Foto: Ian Johnson

Im satten Klang von Pjotr Tschaikowskys „Méditation“ hieß es Augen schließen und genießen. Drei Stücke aus dem Zyklus „Jahreszeiten“ erklangen. Im „Fasching“ drehten sich zwei imaginäre Tänzer durch das Gewölbe. Die „Baukarole“ bot einen nachdenklichen Gesang über schwülem Dunst, der nur kurz der Heiterkeit wich. Passend zum „Weihnachts“-Walzer fing es vor den Fenstern an zu schneien. Heimelige Atmosphäre ließ die letzten Wochen noch einmal Revue passieren.
Eine klare Arbeitsteilung kennt das „Venetianische Gondellied“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy: in der linken Hand wogen die Wellen der Lagunenstadt, während in der rechten eine endlose Melodie von den tiefsinnigen Gesängen der Gondolieri erzählt. Zum Abschluss erklang die „Fantasie in fis-Moll“, die ihren Beinamen „Schottische Sonate“ nicht zu Unrecht erhalten hat. Vor dem geistigen Auge der Zuhörer entspannten sich schroffe Felswände, gegen welche die Gischt schlägt und ein Flusspanorama, in dem mehr als nur ein paar Fische herumtollen. Mit nur einer Zugabe gaben sich die Sinziger nicht zufrieden: Zur „Nocturne“ von Frédéric Chopin und „Consolation“ von Liszt konnte das Publikum noch einmal ausgiebig träumen, bevor es in die winterliche Welt hinausging.